43. Tag Die Versuchung

Sonne, wo bist du? Sie hängt wohl am Mittelmeer fest. Drum sag ich es gleich: Akkus nicht aufgeladen, Stimmung eher quackig. Aber ein paar Zeilen krieg ich zustande, denn heute lauerte die große Versuchung auf mich. Als ich morgens aus dem Zelt kroch, traute ich meinen Augen nicht. Ein riesiges Getümmel herrschte auf dem Picknickplatz. Jeeps mit Anhängern, unzählige Wassertanks, Verpflegungsfahrzeuge und Menschen über Menschen überschütteten meine müden Gehirnzellen. Eine Gruppe von Wanderern zwischen 25 und 70 Jahren, die ebenfalls den gesamten Shvil laufen, auch von Süd nach Nord, begrüßten mich mit einem fröhlichen Shalom. Ich bewunderte ihre logistische Ausrüstung und nach einem gemeinsamen Kaffee luden sie mich ein, gemeinsam mit ihnen die nächsten Etappen zu laufen. Ich schüttelte den Kopf. Dann wenigstens das Gepäck nicht mehr mitschleppen. Oh, man, die Versuchung war enorm, welch eine Erleichterung wäre das für mich! Aber ich zögerte nur kurz und meine Entscheidung stand fest. Ich hab es auch so bis hierher geschafft und jetzt wollte ich einfach weiterhin meine Unabhängigkeit behalten. Irgendwie ist mir das ganz, ganz wichtig. Also zog ich alleine weiter. Unterwegs sah ich die Verwüstungen, die die Waldbrände vor Jahren angerichtet hatten. Ich kannte diese Gegend schon aus meinem Urlaub 2011. Es gab viele Opfer damals. Minderjährige Kinder hatten fahrlässig ein Lagerfeuer errichtet und entfachten damit ein dramatisches Inferno. Heute sind bereits weite Flächen wieder bewaldet. Ja, Israel, du hast viel geschafft, um die Schäden zu beseitigen, aber eine Narbe wird davon immer sichtbar bleiben. Gute Nacht, allen Feuerwhrmännern auf der Welt. Ihr seid überall unersetzbar.

42. Tag, fast Winterwetter und mein Handy ist tot

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Zwei Tage keinen Empfang. Bei aller Begeisterung für die herrlichen Stunden in der Einsamkeit, aber das Stromploblem aufgrund fehlender Sonne zehrt gewaltig an meinen Nerven. Heute ging es bei bestem Wanderwetter durch das Naturreservat Carmel. Ich muss erst einmal für meine super treuen (Dankeschön!!! Ihr seid genial!) Leser klarstellen: Nein, ich laufe derzeit nicht auf plattem Land durch die Gegend. Ich muss auch einige Höhenunterschiede bewältigen. So ging es heute wieder von nahezu Null Metern über den Meeresspiegel hinauf auf weit über 500 Metern, um danach erneut auf Null Metern zu landen. Um mein Tagesgewicht gering zu halten, habe ich all meine Hoffnungen auf einen Picknickplatz gesetzt, der eigentlich mit der, so wichtigen Wasserversorgung ausgestattet sein sollte. Im Buch von Saar ist der Platz ganz gut beschrieben. Jeder, der von Nord nach Süd läuft, wird ihn auf Anhieb finden. Aber für alle, die wie ich, die andere Richtung wählen, ergibt sich das große Problem, dass der Picknickplatz ganz anders in die Karte eingezeichnet wurde. Der Autor KANN den nicht meinen, auf dem ich laut seiner Beschreibung ankam. Zwar ist an dieser Stelle auch einer, aber leider ohne Wasser. Unfassbar, ich habe dort einen Platz vorgefunden, der bei Weitem meine Ekelgrenze überschritt. Da konnte ich nicht bleiben, zwischen all den Fäkalien, Abfällen und Ungeziefer war es unmöglich, mein Zelt aufzustellen. Also weiter nach Yagur, ich hatte ja noch ca. 2 Stunden Zeit, bis es dunkel wurde. Irgendwo hinter Rehasim suchte ich mir dann ein behagliches Plätzchen ohne Müll und bereitete mich auf den Tagesabschluss vor, kochte mir Makkaroni mit Tomatensoße und Thunfisch und am Feuer für den Wasserkessel kam so langsam Zufriedenheit auf. Den ganzen Tag über war es kalt, wolkenverhangen und grau. Keine Sonne weit und breit war zu sehen. Die Luft roch noch sehr nach Winter. Mir wurde schnell kalt und deshalb verkroch ich mich schon vor gut einer Stunde in meinen Schlafsack. Hoffentlich kann ich meinen Akku morgen wieder aufladen, damit der Blog, wenn auch verspätet, schnellstens ins Netz kommt. Gute Nacht, bis morgen.

41. Tag Arabisch, Römer, Abschied vom Meer

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Unfassbar. Die Zeit raubt sich jeden Tag ein paar Kilometer mehr von meinem langen Weg auf dem Trail. Heute war es dann soweit, nach dem „Orange“ für die Wüste, habe ich nun auch das „Blau“ für das Mittelmeer absolviert. Kilometerlang begleite mich noch der Aquädukt, immer am Mittelmeer entlang, durch ein arabisches Fischerdorf, bis hin zu einem Blütenmeer aus Pflanzen, die ich zum Teil eigentlich nur in Töpfen kenne, wenn überhaupt. Die Nacht war frustrierend. Ich bin mutterseelenallein in mein Zelt gekrochen und wurde nach einer Stunde von einer Horde halbwüchsiger Araber mit arabischen Schlagern und später mit knallhartem Techno um den wohlverdienten Schlaf gebracht. Das kann man sich gar nicht vorstellen, 17 verschiedene Stimmlagen brüllten bis kurz vor vier die arabische Musikhitliste rauf und runter. Viel Ruhe bis zum Aufstehen blieb mir also mal wieder nicht und um die religiösen Gewohnheiten auch noch voll ausschöpfen zu können, begrüßte mich pünktlich zum Sonnenaufgang der Iman der nächstgelegenen Moschee mit seinem Morgengebet. Na, wenigstens sollte ich heute unter göttlichem Schutz die Etappe laufen. Nach dem Kaffe, extra stark, machte ich mich auf meinen Weg. Leider durchwanderte ich heute auch wieder einige völlig vermüllte Ecken. Wie schade. Die ersten Male habe ich ja sogar den Abfall eingesammelt und mitgeschleppt, in der Hoffnung, es handle sich um eine Ausnahme. Inzwischen wurde ich eines besseren belehrt und der Einsatz eines Müllwagens würde sich über weite Strecken des Trails durchaus lohnen. Was gab es noch? Vielleicht das: Man kennt mich inzwischen offensichtlich. Ein junger Israeli, der meinen Weg kurz vor dem Tagesziel kreuzte, schaute mir interessiert hinterher, kam zurück und fragte mich, ob ich der Aron aus Deutschland sei. Ich war erschrocken und beeindruckt zugleich. Wir haben uns kurz unterhalten. Er wird den Shviel, wie so viele vor ihm, bald in Vorbereitung seiner Armeezeit laufen. Nicht den ganzen, aber wenigstens einige Etappen. Zum Abschied schenkte er mir seinen Schnürsenkel, denn meiner löst sich schon wieder langsam auf und schlappte winkend davon. Eine schöne Begegnung. Jetzt steht mein Zelt im Grünen. Der Sand und das Meer sind verschwunden. Es war wunderschön dort. Gute Nacht, allen Freunden des Mittelmeeres.

40. Tag Caesarea, ein Ort mit Geschichte

Gestern Abend bin ich dann doch nicht mehr losgelaufen. Die Dunkelheit am Meer ist eine andere als die im Landesinneren, nämlich viel, viel dunkler. Man hört das Meer rauschen und es hat eine unergründliche Anziehungskraft. Laufend stand ich mit meinen Schuhen im Wasser. Das brachte nichts. Deshalb bin ich erst heute früh los. SEHR früh. Ca. 36 km mussten bewältigt werden. Auf fünf Uhr hatte ich den Etappenstart festgelegt. Also den Wecker auf  vier Uhr gestellt. Vorbereiten, packen, Kaffee trinken und los gings. Im Schein der Kopflampe schwirrten hunderte Mücken um mich herum. Die hatte ich vorher alle im Zelt. Aber das Innenzelt bot mir offensichtlich in der Nacht den so wichtigen Schutz vor ihren Stichen. Ceasarea hat für mich eine große Bedeutung. Mit meinem verstorbenen Freund, Dr. Rainer Friebe, war ich in meiner Heimat sehr oft auf der Suche nach Beweisen römischer Geschichte in meiner Heimat. Ich habe heute bereits Proben vom opus caementitium, dem römischen Beton genommen, um die Puzzolane des Herodes mit denen des Augustus im Harz zu vergleichen und freue mich jetzt schon riesig auf die zu erwartenden Ergebnisse. Nach meiner Ankunft in Ceasarea musste ich mit Entsetzen feststellen, dass der alte Kiosk vom letzten Jahr seinen Standort offensichtlich verlassen hatte und ich ohne Wasser auf keinen Fall hier bleiben konnte. Also, den Rucksack wieder aufgesetzt und noch einmal zurück zur Tankstelle, wieder 6km zusätzlich zum eigentlichen Shvil gelaufen. Jetzt aber sitze ich völlig allein und total zufrieden am Strand vor meinem Zelt. Die Sonne ist schon vor einiger Zeit hinter dem riesigen Vadukt der Römer untergegangen. Geschichte hautnah. Ich würde gern noch einige Tage hier bleiben. Aber ich habe ein Ziel und auch die römischen Truppen durften sich ja bekanntlich keinen Müßiggang leisten. Gute Nacht, allen Liebhabern der alten Römer.

39. Tag Erholung

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Seit Tagen das erste Mal ohne Rückenschmerzen, denn ich lag schon nächtelang auf einer kaputten Isomatte und damit auf dem harten Boden, bin ich von meiner neuen Isomatte, ganz gut ausgeschlafen, mit einem genialen Sonnenaufgang aus dem Zelt gekrochen. Es war herrlich und erst jetzt merkte ich wirklich, wie erschlagen ich durch die lange Wanderung bereits bin. Mein Körper brennt an allen Stellen, mein Kopf ist müde, aber mein Herz schlägt weiterhin für dieses Land. Mit einem israelischen Kaffee, auf meinem Kessel gebraut und einem morgendlichen Bad im Meer begann für mich ein ruhiger Tag am Surfer Paradies „Poleg Beach“. Die starke Brandung hier sorgt für ordentlichen Umsatz der angesiedelten Surfschulen. Ein Surflehrer wollte mir eine kostenlose Einführungsstunde ermöglichen. Ich habe mir das Brett angesehen. Da fehlen mindestens 50 Zentimeter in der Breite und 80 in der Länge, um mich da drauf zu bekommen. Nein, ich verzichtete dankbar. So habe ich ihnen einfach nur zugeschaut und so mannches Mal die Luft angehalten, wenn die Wellen den ein oder anderen verschluckten. Die meiste Zeit verbrachte ich heute aber mit lesen, faulenzen und baden. Ich weiß es noch nicht, wenn ich Lust und Muse habe, werde ich heute abend noch einige Kilometer laufen, denn ich würde gerne morgen mein Zelt im Caesarea aufschlagen, einem Ort, mit dem ich sehr schöne Erinnerungen mit meine Frau verbinde. Wenn aber nicht heute, dann eben morgen. Ankommen werde ich dort auf jeden Fall. Gute Nacht, ich schlafe endlich mal wieder zufrieden ein.

38. Tag Meer ohne Ende

netanya01.jpgnetanya02.jpgMorges ging es nach einem Kaffee, es  könnten auch durchaus mehrere gewesen sein, und einem kräftigen Frühstück mit dem Bus zurück zum Yarkon River, der ruhig und gemächlich durch die gepflegten Anlagen des, nach ihm benannten Parkes fliest. Eine Brücke hatte ich heute noch zu überqueren und damit war meine Reise gen Westen abgeschlossen. Der Shvil macht nun einen starken Knick nach rechts und führt am Mittelmeer entlang, straff nach Norden. Die Sonne meinte es heute auch sehr gut mit mir, nur mit dem Wind muss ich hier in Israel unbedingt noch Freundschaft schließen. Er ist kühl und immer wieder bließ eine steife Briese mir direkt ins Gesicht. Das Laufen mit dem Rucksack am Strand ist wahrlich kein Zuckerschlecken, ich denke eine Aufnahme ins olympische Programm wäre auf jeden Fall angebracht. Am Ende meiner Etappe stand dann Netanya. Schnell war mein Zelt aufgebaut und ich in den Fluten des Mittelmeeres verschwunden. Am Lagerfeuer wurden mir kurz vor dem Schlafengehen von einigen Israeli Zigaretten angeboten. Nett gemeint, aber nicht mein Ding. Ich stehe auf Tabak, nicht auf Gras. Somit bin ich jetzt, eingehüllt in einer süßlichen Wolke, in meinem Zelt und sage Gute Nacht, allen, die die Finger von diesem Zeug lassen können.